Wie auch schon am Wochenendstag davor klingelt der Wecker um 7 Uhr. Sofort macht sich die Müdigkeit bemerkbar, aber der Blick schweift vom Handy sofort aus dem großen Fenster auf die noch größeren Skyscraper und lässt sich nicht lösen.

Bevor die Familienwanderung auf den Berg losgeht, gibt es Frühstück. Drei große Teller mit Reis, Quinoa und Salat. Aus Höflichkeit wird versucht etwas runter zu bekommen, aber das Abendessen von gestern Nacht liegt noch schwer im Magen.

Dann geht es mit der autonomen Bahn etwa eine halbe Stunde in die Berge. Alles ist sehr grün, mehrere Bäche fließen im Tal zu einem See zusammen. Vögel zwitschern über die Stimmen der Menschenmasse hinweg, welche sich den vorgegebenen Pfad entlang schlängelt. Links und rechts des Weges befindet sich ein Einkaufsstand nach dem Nächsten, in denen Tee, Wurzeln, Pilze, Handgemachtes, Fast Food, etc. angeboten werden.

Als es wieder nach Hause geht, fahren wir diesmal in den 18. Stock, ein Stockwerk höher, wo wir von einer 20 köpfigen Familie empfangen werden. Ob es die Wohnung der Urgroßmutter, der Großeltern oder des Onkels ist habe ich nicht ganz verstanden, auf jeden Fall haben sich alle für mein Kommen (und wahrscheinlich auch für den Muttertag) zusammen getan. Jedes einzelne Gesicht begrüßt mich herzlich und nimmt mich, wie auch schon die Kernfamilie mit Freuden auf. Obwohl niemand Englisch spricht, verstehe ich mich mit allen sehr gut. Wir gestikulieren und lassen unsere Gesichter oder meine Austauschschülerin als Dolmetscherin sprechen. Dann werde ich an einen großen Tisch mit einer noch größeren Portion Essen gezwängt. Seefrüchte, Dumplings (gefüllte Teigtaschen) mit sehr vielen Beilagen. Alles in riesigen Mengen. Die Familie fordert mich, unter Protesten meiner Austauschschülerin, zum Essen auf, versteht und toleriert, zu meiner positiven Überraschung, aber sehr schnell, dass ich an meiner veganen Ernährung festhalte. Es wird also zu Plan B gegriffen, in Form einer großen Schale mit veganen Tofu-Dumplings, die bereits extra für mich gemacht worden waren. Es schmeckt alles unfassbar gut, sodass ich nach dem Rezept frage. Mir wird sofort die Zubereitung gezeigt und ich darf meine eigenen Dumplings herstellen.

Dieser halbe Sonntag (gleich darauf ging es wieder in das Internat) war für mich der schönste Tag in China. Ich sehe noch immer all die strahlenden Gesichter vor mir und das wird mit aller Sicherheit auch für den Rest meines Lebens so bleiben.

Pia Frick