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Vortrag und Exkursion zu einer aktuellen Grabung mit Schülern des Johannes-Kepler-Gymnasiums unter Leitung von Dr. Andreas Thiel, Stuttgart

Am 24. und 25.10.2016 fand am Johannes-Kepler-Gymnasium Bad Cannstatt das diesjährige sog. „Gymnasiale Seminar“ statt, das der >Württembergische Verein zur Förderung der Humanistischen Bildung< unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Eckart Olshausen vom Historischen Institut der Uni Stuttgart seit einigen Jahren einer Schule seiner Wahl zugute kommen lässt. Es konnte auf diese Weise ein am Kepler-Gymnasium lang gehegter Wunsch in Erfüllung gehen: von einem ausgewiesenen Fachmann eingeweiht zu werden in die an noch nicht gelüfteten Geheimnissen reiche Vergangenheit des römischen Bad Cannstatt. Dazu fand am ersten Tag ein zweistündiger Vortrag im Musiksaal der Schule statt, zu dem die interessierten LateinerInnen aller Stufen und ihre Lehrer eingeladen waren. Sein Thema: „Die Römer in Bad Cannstatt“ (nebst einer kleinen Einführung in die Archäologie). Am zweiten Tag durfte eine ausgeloste Gruppe von 30 SchülerInnen mit zu einer dreistündigen Exkursion auf die Altenburg (Stadtteil Hallschlag, gegenüber vom Römerkastell), wo sich eine aktuelle Grabungsstelle des Landesdenkmalamts befindet.

Im Vortrag erläuterte der Referent, der als staatlicher Archäologe am Landesdenkmalamt arbeitet und u.a. für den Stadtteilbereich Cannstatt zuständig ist, dass bei den Vorarbeiten zum Abriss des evangelischen Gemeindezentrums gewisse Funde gemacht wurden. Und immer, wenn auf Baustellen etwas Antikes oder antik Scheinendes entdeckt wird, sollte der Finder das Landesamt für Denkmalpflege informieren, sodass ein Abkommen mit dem Bauunternehmer geschlossen werden und eine Ausgrabung stattfinden kann. Die gemachten Funde gelangen nach sorgfältiger Auswertung und anschließender Katalogisierung ins Archiv, wo sie zur möglichen Weiterbearbeitung durch junge ArchäologInnen aufbewahrt werden.

Im Falle des Grabungsgeländes „Auf der Altenburg“ stieß man auf menschliche Knochen, auf Mauerreste und Holzbalken, auf Schmuck und Scherben. Mit etwas Glück verraten dem Archäologen schriftliche Vermerke (wie etwa Inschriften) die Zeit, aus der beispielsweise eine Steinmauer stammt. Bei der aktuellen Grabung allerdings war das Grabungsteam ganz und gar auf seine Kombinationsgabe verwiesen. Dabei verraten Schmuckstücke einiges über ihre Zeit, da durch die vielen bereits ausgegrabenen Schmuckstücke im Bereich des Römischen Weltreichs bereits eine Art Modegeschichte vorliegt, in die sie sich einordnen lassen; Statuen geben durch das, was sie darstellen, Auskunft über die Lebensweise zu einer bestimmten Zeit und durch ihren künstlerischen Stil einen Anhaltspunkt für die Datierung; auch Holzbalken römischer Siedlungen können aufschlussreich sein, indem die Dendrochronologie - die Wissenschaft, die sich mit dem Alter von Bäumen befasst -, anhand der Jahresringe ziemlich genau das Alter von Gebäuden bestimmen kann (damit dies möglich ist, muss sich das Holz allerdings innerhalb eines Lehmgebildes befunden haben, der den zerstörerischen Sauerstoff nicht durchlässt, sodass das Holz vor dem Zerfall bewahrt bleibt). Schriften sind in Cannstatt (bisher) leider kaum zu finden, vielleicht weil die in Rom lebenden Römer sich nicht mit den für sie fernen hiesigen Geschehnissen beschäftigten. Über das Militärlager (Kastell) hingegen, das sie in Bad Cannstatt errichteten, wissen wir heutzutage einiges. Seine Fundamente waren gut erhalten, als sie 1894 von Ernst Kapff entdeckt wurden, da nach dem politisch bedingten Verfall des Römerkastells seine Fundamente und das urbar gemachte Terrain immer wieder neu überbaut wurden. Doch warum war ausgerechnet in Bad Cannstatt ein Kastell - inklusive ziviler Siedlung? Dazu muss man wissen, dass sich in „Cannstatt“, dessen römischer Name uns leider nicht bekannt ist, in der Antike ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt befand; große Straßen trafen sich hier. Das wiederum erklärt sich so: Ursprünglich waren die Römer, die ja auch Germanien gern ihrem Imperium einverleibt hätten, nur bis zu den Flüssen Rhein (von Süd nach Nord fließend) und Donau (von West nach Ost fließend) vorgedrungen. Wollte man als römischer Kaufmann nun zum Beispiel von der römischen Stadt Mainz am Rhein in die römische Stadt Regensburg an der Donau gelangen, konnte man nicht wie heute quer durch Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern reisen, sondern musste den Umweg über den Bodensee nehmen - jedenfalls wenn man eine Route auf sicherem römischen Boden vorzog. Das bewog die Römer im 1. Jahrhundert n. Chr. dazu, eine Grenzbefestigung, bestehend aus Holzpalisaden bzw. einer Steinmauer, zwischen Mainz und Regensburg zu errichten, die sich dann auf ca. 550 km quer durchs Germanenland zog. Im Laufe der Zeit änderte sich der Verlauf dieses sog. „Limes“ immer wieder, je nachdem, welche germanischen Landstriche die Römer gerade beherrschten. Jedenfalls lag auch Cannstatt zweitweise im römisch besiedelten Germanien und war, weil es direkt am Neckar lag, verständlicherweise ein strategisch günstiger Ort für reisende Kaufleute, aber durch seine Anhöhe auch für die das Hinterland sichernden Soldaten. Auf dieser Anhöhe wurde für die Soldaten das Cannstatter Römerkastell errichtet, in dem ganz konkret eine „ala quingenaria“ (Reitereinheit von 500 Reitern) untergebracht war, die aus 16 „turmae“ (Untereinheit mit je 30-32 Reitern) bestand. Um das Militärlager herum befand sich das oben erwähnte „vicus“ (zivile Siedlung):

Dazu passend wurden am Flussufer Pfähle einer römischen Brücke entdeckt, die den Bewohnern durch den in der Antike üblichen Brückenzoll einige Einnahmen beschert haben dürfte. Auch eine römische Therme wurde ausgegraben; diese lag in der heutigen Badstraße (daher der Straßenname), in der Nähe des Rotkreuz-Krankenhauses. Am Hallschlag wiederum fand man Keller - eindeutiger Hinweis auf eine Siedlung oder zumindest doch Nutzbauten -, auf dem Steigfriedhof römische Säulen.

Das Archäologeteam um Dr. Thiel war also verständlicherweise gespannt gewesen, was es auf dem Gelände des evangelischen Gemeindezentrums finden würde... und wir waren gespannt, was sie entdeckt hatten und wir am nächsten Tag auf dem Grabungsgelände zu sehen bekämen. Zum Schluss des Vortrags erfuhren wir noch vom Ende der Römer in Bad Canstatt. Und zwar versuchten sie, Cannstatt als Verkehrsknotenpunkt zu erhalten - jedoch vergeblich. 230 n.Chr. war diese Ecke Germaniens schließlich keine römische Provinz mehr. Und das römische Leben in Baden-Württemberg endete ca. 260 n.Chr. mit den beginnenden umfänglichen Verwerfungen der großen Völkerbewegungen, die wir die Völkerwanderungen nennen.  Carmen Galonska, Luise Wolff (Jahrgangsstufe 1)

Als am Dienstag, den 25.10. 2016, ca. 25 Lateinschüler, inklusive mir, der Klassen 6-12 zusammen mit Herrn Geiselhart, Herrn Irion, Herrn Klemmer und Frau Siemer aufbrachen zu unserer Exkurison an der Altenbruger Steige, haben wir erstmal via Mühlsteg den Neckar passiert, sind eine lange Treppe die Altenburger Steige hoch und dann eine kurze Gerade Richtung Römerkastell gelaufen. Oben angekommen, erwartete uns dann schon der Mann, der bereits am Vortag einen Vortrag gehalten hatte über das römische Cannstatt. Mit ihm zusammen besuchten wir dann die Ausgrabungsstätte, aber nicht einfach so, sondern mit seiner Führung. Als erstes sollten wir über die Stätte laufen und erraten, worum es sich dabei handelte. Das ging ohne Probleme, da die Ausgrabungen bereits abgeschlossen waren. Das Erraten wiederum war nicht so einfach, da es sich bei der Ausgrabungsstätte um verschiedene Dinge gehandelt hatte, aber zu verschiedenen Zeiten. Anfang des ersten Jahrhunderts waren dort römische Keller, die aber wohl bald abbrannten, was man an dem Travertin sehen konnte, aus dem sie gebaut waren; dieser wird rot, wenn er verbrennt. Im sechsten Jahrhundert befand sich dort dann ein Totengräberhaus inmitten eines Friedhofs - daran erkennbar, dass neben dem Haus Menschenknochen gefunden wurden. Und nicht nur die Archäologen haben Knochen gefunden, sondern auch ein paar Schüler aus unseren Reihen, und zwar menschliche Oberschenkelknochen... Die Vorstellung, dass die einst in einem Menschen gewesen waren, fanden wir gruselig! Im 13. Jahrhundert schließlich war auf dem (ehemaligen) Friedhofsgelände eine ungefähr zwei Meter dicke Steinmauer gebaut worden, teilweise aus dem Travertin der römischen Keller. Anhaltspunkte für ihr Alter lieferten uns die nebengelagerten Erdschichten, die man farblich ganz gut auseinanderhalten kann. Aus dieser Zeit dürfte der Name des Areals „Auf der Alten Burg“ stammen. Herr Thiel erzählte uns, dass einige Alt-Cannstatter, als sie gefragt wurden, meinten, dass sie mal davon gehört hätten, dass es oben auf dem Hallschlag eine alte Burg gegeben hätte... Auch in den Wörtern scheint also die Geschichte weiterzuleben und eine Spanne von 700 Jahren mühelos überwinden zu können! Alle drei Ausgrabungsschichten - römische Keller, Friedhof, mittelalterliche Burg - entdeckten wir, unterstützt von den wegweisenden Fragen „unseres“ Archäologen, übrigens selbst; es gehörte allerdings etwas detektivisches Denken, Kombinationsgabe und Phanatasie dazu! Nach der Tour im Freien sind wir dann in das abrissbereite Haus gegangen, das neben der Ausgrabungsstätte steht. Das war mal ein Gemeindezentrum, jetzt ist es aber nicht mehr als solches nutzbar. Drinnen konnten wir diverse Gegenstände in die Hand nehmen, die dort gefunden wurden, darunter ein Ohrenstäbchen, mit dem man sich früher den Ohrenschmalz aus den Ohren geholt hat; oder auch eine echte Goldmünze. Die wurde aber nicht aus den Ohren geholt, sondern aus der Erde. Alles in allem war es ein interessanter und lehrreicher Vortrag, der schön war anzuhören. Auch wenn die Schuhe vieler nicht mehr ganz so sauber waren wie davor. 

Xenia Oesterlin (9b)