„Kathi Blum reloaded“ oder: Wieso können wir nicht einfach nett zu einander sein?

Der Kurs Literatur und Theater der Jahrgangsstufe 1 präsentierte am 20.7.2018 im Musiksaal des JKG das Ergebnis seiner Projektarbeit

„Ich bin eine ehrliche Frau. Ich habe meine Ehre.“ Kathi Blum, die an Heinrich Bölls Katharina Blum angelehnte Hauptfigur, differenziert verkörpert von Adriana Andjelikovic, behauptet sich und ihre Ehre bis zum Ende. Sie lässt sie sich nicht nehmen. Dabei scheint die ganze Welt sich gegen sie verschworen zu haben. Da sind beispielsweise Detective Kruel, von Schamuss Elfatlawi bewusst als Grenzgänger zwischen den Geschlechtern gespielt, oder die beiden einflussreichen Geschäftspartner und „Männerfreunde“ Lüding und Schreiner (Gerrit Günther und Fabian Holop). Sie alle halten Kathi für minderwertig, weil sie sich auf einer Party in den von der Polizei gesuchten Luis Ramires (Daniel Omari) verliebt. Diese Liaison wird vom bekennenden Trump-Fan, Sexisten, Chauvinisten und Journalisten Markus Schmitt, überzeugend verkörpert von Tim Grüner, in der Presse breitgetreten und zur Geschichte einer Prostituierten umgedichtet. Am Ende der so begonnenen Hexenjagd steht die Ermordung des wie ein Getriebener agierenden Schmitt durch Kathi Blum.

Unter der Regie von Schamuss Elfatlawi und Salina Weldemariam entstand in mehrmonatiger, eigenständiger Arbeit ein Stück, das nicht lustig war. Vielmehr blieb dem aufmerksamen Zuschauer das Lachen im Halse stecken, denn ihm wurde ein Spiegel vorgehalten. Wie gehen wir miteinander um? Sehen wir in unserem Gegenüber einen gleichberechtigten Menschen mit eigener, unverletzlicher Würde oder nur ein Mittel zum Zweck wie Markus Schmitt, der auch vor Lügen nicht zurückschreckt? Stempeln auch wir Menschen, die nicht unseren Vorstellungen von Normalität entsprechen, ab wie Detektive Kruel? Schließlich führen uns die 15 Schülerinnen und Schüler des Kurses die Macht des Gerüchts vor Augen. In Bölls Vorlage und im Stück ist es die ZEITUNG, welche das Netz aus falschen Behauptungen spannt, in dem sich Kathi am Ende verfängt. Es wird jedoch überdeutlich, dass die zerstörerische Dynamik übler Nachrede nicht vom Medium abhängt. Was hier mit dem Zeitungsartikel eines verzweifelten und zynischen Redakteurs beginnt, beginnt heute in der Regel mit einem Post in einem sozialen Netzwerk. Auf eine solche Aktualisierung mit dem Zeigefinger verzichtete das Dramaturgieteam (Hatice Özkul, Laureta Nrecaj und Pia Frick) weise. So konnte das Bühnenbild von Cansu Teke, Dima Muqbel und Gerrit Günther, bestehend aus drei mit Zeitungsseiten beklebten Wänden, die Kathi buchstäblich immer mehr einengten, seine ganze Wirkung entfalten.

Zwei Mal spielte die Gruppe das Stück: eine vollbesetzte Schülervorstellung am Vormittag mit gefesseltem Publikum und eine leider nicht ganz so gut besuchte Abendvorstellung. Die Akteure vor und hinter den Kulissen hätten auch abends einen voll besetzten Saal verdient, denn ihre Leistung war in jeglicher Hinsicht bemerkenswert.

(Tobias Krämer, Lehrer des Kurses Literatur und Theater)