Ein begeistertes Publikum verließ am Mittwoch, den 20. Juli 2016, den Großen Kursaal. Chor, Orchester und der Wahlkurs Literatur und Theater der Jahrgangsstufe 1 hatten es überzeugt und für einen wundervoll kurzweiligen und spannungsgeladenen Abend gesorgt.

Vor der Pause zeigte der Chor, was er auf dem Kasten hat. Unter der Leitung von Daniela Boettcher-Mayr und begleitet von Daniel Tepper am Klavier verführten die Sängerinnen und Sänger das Publikum mit einem bunten Potpourri aus bekannten Popsongs und Musical-Titeln. Ob der homogene Klang des Chores beim Einstieg mit „Safe and Sound“, dem beschwingten „Mercy“ und dem Versprechen der The Jackson Five „I’ll be there“ und weiteren Songs oder die einfühlsame Vorstellung von Daria Kobas, Ira Himstedt und Alessio Cozza als Trio („On Rising Wind“), Johanna Müller („Mr. Curiosity“) und Lena Schaal (Ballade „Gold von den Sternen“ aus dem Musical „Mozart“) jeweils als Solistinnen schöner waren, kann man gar nicht sagen. Es war eine runde erste Hälfte voller Gefühl und wunderschöner Melodien.

Nach der Pause präsentierten das Orchester (Leitung: Anna Trüdinger) und der Wahlkurs Literatur und Theater (Leitung: Tobias Krämer) mit „Hänsel und Gretel (kein Märchen)“ das inzwischen dritte Orchester-Theater-Kooperationsprojekt am JKG. Die Orchestermusiker spielten konzentriert und auf einem erstaunlichen Niveau, unterstützt von Johanna Müller, Lena Schaal, Alessio Cozza und Daniel Tepper als Gesangssolisten, die wunderschöne Musik aus Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“. Beeindruckend war, mit welcher Hingabe und mit welch instrumentalem Können die jungen MusikerInnen zusammen agierten – auch schon die Siebt- und AchtklässlerInnen, die noch nicht allzu lange Mitglieder des Orchesters sind. Dem Publikum wurden Stücke ganz unterschiedlichen Charakters dargeboten: Ohne den Spannungsbogen zu verlieren, ging es vom ruhig fließenden, im eigentlichen Sinne traumhaften „Oh herrlich Schlösschen“ über den bedrohlichen „Hexenritt“ und die fesselnden Ausschnitte aus der Filmmusik zu „Harry Potter“, die passend zur Gesamtdramaturgie des Musik-Theater-Stücks eingefügt wurden, hin zum beschwingten Finale („Die Hexerei ist nun vorbei“).

Die Schülerinnen und Schüler des Literatur-und-Theater-Kurses passten im Rahmen eines Projekts den Märchenstoff der heutigen Zeit an. Sie machten das, ohne vom Kern der Geschichte abzuweichen: Zwei Geschwister verlassen in der Not ihre Eltern und sehen sich nahezu schutzlos den Verlockungen und Gefahren der Welt ausgesetzt. Lebkuchenhaus und Hexe. Daraus ergaben sich einige Fragen: Die Hexe von damals war eine grausame alte Frau im Wald, keine Magierin, sondern „nur“ ein Mensch, der andere Menschen leiden lässt; wer sind die Hexen von heute? Was macht aus normalen Menschen grausame „Hexen“? Welche Not zwingt in unserer satten Gesellschaft Kinder dazu, ihre Eltern zu verlassen? Und was sind die heutigen Lebkuchenhäuser? Es entstand ein modernes Theaterstück, das dem Märchen an Grausamkeit und naivem Realismus in nichts nachsteht.

Während einer intensiven Probenphase auf Schloss Kapfenburg – inzwischen schon gute Tradition am JKG – wurden die beiden Elemente zusammengeführt, Musik und Theater. Das Ergebnis war ein eindringliches Stück, das die Zuschauer hin und her riss zwischen dem Schwelgen in Humpedincks schönen Melodien (unter anderem Johanna Müller und Lena Schaal mit dem berühmten „Abendsegen“ im wunderschönen Duett) und der grausigen Geschichte von Hänsel und Gretel, die von Zuhause weglaufen und geradewegs in die Arme eines verbrecherischen Trios geraten, aus denen sie sich kaum mehr befreien können. Die bittere Geschichte der beiden Geschwister und die klangschöne und emotional-märchenhafte Musik ergänzten und kommentierten sich dabei aufs Feinste.

Aus den vielen besonders schönen und intensiven Momenten sind einige hervorzuheben. Da wäre beispielsweise die hilflose Verzweiflung des Vaters (Julian Modro) angesichts der Flucht seiner wohlstandsverwahrlosten Kinder, kommentiert von der Arie des Vaters „Ach, wir armen, armen Leut“, gesungen von Alessio Cozza und präzise und aufmerksam begleitet vom Orchester. Die Stimmung eines Horrorfilms überkam das Publikum, als das „Hexentrio“, eine grausam einfühlsame Bordellbesitzerin (Maria Würth), ein verstörender Kannibale (Theocharis Iatropoulos) und ein wahrhaft abstoßender Drogendealer (Jan Sedlacek), im Rotlicht auf der Bühne stand und aus den Lautsprechern „Ein Männlein steht im Walde“ erklang. Ein weiterer Höhepunkt war der Monolog des Drogendealers, begleitet von Melodien aus Harry Potter. Vor dem märchenhaft versöhnlichen Schluss zeigten Hänsel (Mohamed El Noubi) und Gretel (Anna Stauß) noch einmal ihre Qualitäten auf der Bühne. Innerhalb eines Sekundenbruchteils wechselten sie von der absolut glaubhaften Verkörperung ihrer Figuren zu einem persönlichen Kommentar. Diese immer wieder eingebauten persönlichen Kommentare der Darsteller, in denen sie über die Erarbeitung des Stücks oder ihre Erfahrungen und Erkenntnisse sprachen, waren von besonderer Intensität. Unterstrichen wurde diese Wirkung von der präzisen Lichtregie unter der Leitung von Arne Morgner. Das erlösende Finale des Orchesters rundete den äußerst gelungenen Abend mit Schwung ab und das Publikum verließ erfüllt und ein bisschen nachdenklich den wunderschönen Kursaal in Bad Cannstatt.

 T. Krämer, A. Trüdinger, S. Gilbert